TAZ, Berlin:

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2013%2F11%2F16%2Fa0062&cHash=68f082493535dc0d12cc177ebb15c130

16.11.2013

“Ich bin marginalisiert in meinem Land”

THEATER Die tunesische Regisseurin Meriam Bousselmi bringt ihre Stücke in Deutschland heraus und versucht die Situation in ihrer Heimat von außen zu kritisieren

INTERVIEW CHRISTOPH ZIMMERMANN

taz: Frau Bousselmi, wie lässt sich die gegenwärtige politische Situation in Tunesien beschreiben?

Meriam Bousselmi: Der revolutionäre Impuls ist erlahmt und droht in einem lautstarken Durcheinander zu verkümmern. Verantwortlich für diese trostlose Situation sind die Islamisten. Ihre Verblendung, ihre Inkompetenz und ihre Gewalt haben das Land komplett ruiniert. Die Ennahda-Partei und ihr Führer Rachid Ghannouchi wollen in Tunesien einen terroristischen Staat unter dem Deckmantel der Demokratie errichten und dabei die Muslimbruderschaft zu einem transnationalen Verbund ausbauen.

Was bedeutet der Einfluss islamischer Gruppen für Ihre Arbeit als Regisseurin?

Ich konnte im vergangenen Jahr in Tunis nicht inszenieren. Das wird vermutlich auch so bleiben, solange das islamistische Regime an der Macht ist. Ich weigere mich, unter einem Kulturminister zu arbeiten, der Künstler mit Aussagen wie “Kunst muss schön und nicht revolutionär sein” oder “Kunst darf die Religion nicht kritisieren” zu bevormunden versucht. Ich bin marginalisiert in meinem Land in einem doppelten Sinn: weil ich als antiislamische Radikale gelte und weil ich eine Frau bin. Also versuche ich mit Stücken wie “Sabra”, “What the Dictator did not say” oder “Sin of Success” die politische Situation in Tunesien von außen zu kritisieren. Es ist effektiver, die Inszenierungen im Ausland zu produzieren und sie erst dann in Tunesien zu zeigen.

Worum geht es in Ihrem neuen Stück, “Sin of Success”, das jetzt beim Kölner Festival “Globalize: Cologne” zur Uraufführung kommt?

Da das Theater nicht die Welt verändern kann, müssen wir die Art, wie wir Theater machen, ändern. Mein Stück “Sin of Success” stellt die Frage, wie die Maschine Theater und die Maschine weiblicher Segregation funktionieren. Das Theater ist bekanntlich nicht weniger patriarchalisch als andere gesellschaftliche Bereiche. Der Abend wechselt ständig zwischen Fiktion, Kommentar der Fiktion und der Rekonstruktion autobiografischer Erfahrungen und analysiert das Rollenmodell der unterwürfigen Frau in der arabischen Gesellschaft und in Europa.

Welchen Plot erzählt “Sin of Success”?

Es geht um eine junge Künstlerin, die bei einem Festival für ihre Arbeit geehrt werden soll. Beim Festakt drängt sich ein männlicher Mitarbeiter ihres Teams vor und nimmt den Preis an ihrer Stelle entgegen. Künstlerinnen versuchen, ihren Protest gegen diese Marginalisierung in Form eines Stücks zu formulieren. Ihre Uneinigkeit über den Inhalt dieses Stücks ist insofern fruchtbar, als sie Debatten über weiblichen Aktivismus, seine Mittel und seinen Erfolg in Gang setzt.

Sie arbeiten mit berühmten arabischen Schauspielerinnen. Inwieweit gehen deren biografische Erfahrungen in das Stück ein?

Die Lebensgeschichten und die Ansichten meiner Figuren überschneiden sich mit denen der Darstellerinnen. Deshalb war es wichtig, eine internationale Besetzung mit Frauen aus Ägypten, Syrien, Marokko und Algerien zu wählen, die von einem Kabyle-Spieler begleitet werden. Es geht darum, Formen des weiblichen Widerstands sichtbar zu machen, gerade angesichts der wachsenden Frauenfeindlichkeit im Zuge des Arabischen Frühlings und des erstarkenden politischen Islam.

Inwieweit kann das Theater zu diesem Widerstand beitragen?

“Sin of Success” ist mehr als ein Theaterprojekt. Es ist ein Prozess des Nachdenkens über uns selbst, über unser Geschlecht und die Bedingungen des Erfolgs. Das Echo dieser Erinnerungsarbeit und der Analyse werden vor allem in den letzten beiden Szenen des Stücks anschaulich werden. Wir wollen unsere Erfahrung aber auch mit anderen Frauen teilen und planen die Einrichtung einer Website, für die die marokkanische Schauspielerin Amal Ayouch speziell ein Proben-Tagebuch verfasst. Wir verstehen uns als Kern einer internationalen Gruppe, die auch in Zukunft weiter für die Rechte der Frauen und das bessere Verständnis der Geschlechter arbeitet.

Wie steht es derzeit um die Rechte der Frauen in Tunesien?

Tunesische Frauen haben mehr erreicht als die Frauen anderer arabischer Staaten. Aber einige dieser Errungenschaften wurden durch die Welle des Konservatismus und der Reislamisierung wieder zunichtegemacht. Aber wir werden kämpfen, auf der Straße, in der Partnerschaft, in Büchern, um den früheren Status wiederherzustellen.

Inwieweit ähnelt oder unterscheidet sich die gesellschaftliche Stellung arabischer und europäischer Frauen?

Sicherlich verfügen westliche Frauen auf den ersten Blick über eine größere Freiheit, vor allem über größere sexuelle Freiheit. Es ist allerdings ein Klischee zu glauben, dass ein großer Unterschied zwischen europäischen und arabischen Ländern besteht. Die Unterdrückung funktioniert im Westen in Wirklichkeit nur diskreter als in der arabischen Welt. In der Realität sind Frauen in Europa den Männern natürlich nicht gleichgestellt, sie tun aufgrund einiger Vorteile aber so, als ob es der Fall wäre. Die Wunschfantasie des westlichen Mannes ist eine passive, intellektuelle Frau mit Kleidergröße 38, die arabische Fantasie ist die von Scheherazade, die mit Worten Männer befriedigen kann. Hier wie dort ängstigt die subversive Intelligenz erfolgreicher Frauen die Männer, weil sie deren Macht infrage stellt.

“Ich weigere mich, unter einem Kulturminister zu arbeiten, der Künstler mit Aussagen wie ,Kunst muss schön sein’ zu bevormunden versucht”

Meriam Bousselmi

Person: geboren 1983 in Tunis, studierte Rechts- und Politikwissenschaft. Von 2002 bis 2007 war sie als Dramaturgin und Regisseurin am Centre Arabo-Africain de Formation et de Recherches Théâtrales in Tunis tätig. Sie wurde mehrfach als Autorin und als Regisseurin ausgezeichnet. 2012 war sie Stipendiatin der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste Berlin.

Aufführungen: Derzeit probt Meriam Bousselmi in Algier ihr Stück “Sin of Success” (“Sünde Erfolg”). Das Interview wurde via Mail geführt. Die Uraufführung findet am 20./21. 11. in Köln beim Festival “Globalize: Cologne” statt, weitere Vorstellung am 23. 11., Theater an der Ruhr/Mülheim. Zu sehen sind außerdem ihre Stücke “Was der Diktator nicht gesagt hat” (Mülheim, 24. 11.) und “Truth Box” (Mülheim: 12.-15. 11., Köln: 29., 30. 11., 1. 12.)

 

AKT-Theaterzeitung Köln, November 2013:

http://www.theaterzeitung-koeln.de/aktuelle-ausgabe/vorgeschaut/spannendes-theater-im-november/

KÖNNEN FRAUEN ERFOLGREICH SEIN?

Wie jedes Jahr erfrischt auch diesmal vom 16.-29. November das Festival “Globalize:Cologne” der Freihandelszone die Kölner Theaterszene mit einer starken, diskursiven und anregenden Böe von außerhalb. Eine der spannendsten Produktionen, maßgeblich koproduziert vom Kölner Festival, ist “Sünde Erfolg” der tunesischen Regisseurin Meriam Bousselmi über die Probleme erfolgreicher Frauen nach der arabischen Revolution. Das Motto von Globalize:Cologne ist dismal “A TO B” – Wandel, Umdeutung, Revolution”.

Und was könnte besser dazu passen, als mit Hilfe der tunesischen Theatermacherin Meriam Bousselmi zu untersuchen, wann so etwas wie “Frühling” wieder in eine Diktatur kippt – und ob sich die Situation der arabischen Frauen verbessert oder verschlechtert hat. Letzteres diagnostiziert die 1983 in Tunis geborene Autorin, Regisseurin und Rechtswissenschaftlerin. Auch in der Diskurs-Ausgabe des Festivals vom letzten Jahr war sie in Köln zu Gast und hat hier eine intensive Arbeitsbeziehung zu Jörg Fürsts A.TONAL.THEATER aufgebaut. Es darf als Sensation gelten, dass das Festival GLOBALIZE: COLOGNE maßgeblich ihre spannende Uraufführung “Sünde Erfolg” (Sin of success) koproduziert hat und zur Uraufführung bringt.

Der Grundgedanke des Stücks geht zurück auf eine wahre Begebenheit: als Meriam Bousselmi in Amman als Autorin und Regisseurin für die besten Theaterproduktion des Jahres 2011 im arabischen Raum ausgezeichnet werden sollte, wurde sie selbst nicht auf die Bühne gebeten – sondern ihr Produzent (also der Geld-Beschaffer). Und er nahm an ihrer Stelle den Preis an, obwohl sie die künstlerische Verantwortung hatte – für Meriam Bousselmi ein Skandal. Mit den im arabischen Raum sehr bekannten Schauspielerinnen Amal Omran (Syrien), Amal Ay-ouch ( Marokko), Ayet Magdy aus Ägypten sowie Fatiha Ouarad, Djohra Dreghela, Mouni Bouallam, Kati Younes aus Algerien hat sie nun “Sin of Success” erarbeitet, in der die Künstlerinnen ihre persönlichen Erfahrungen mit den männlich dominierten Gesellschaften eingebracht haben. Das Stück erzählt eine Ge-schichte in der Geschichte: die weiblichen Teilnehmerinnen eines Festivals entschließen sich dazu, ein Proteststück aufzuführen. Sie diskutieren dabei über Wert und Bedeutung der Frauenbewegung – und entdecken, dass es zwischen den arabischen Ländern so gravierende Unterschiede gibt, dass sie Probleme haben, dort auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Das Stück ist beim Theaterverlag H&S er-schienen.

Auch ein zweites Stück von Bousselmi ist in Köln zu Gast: “Truth Box”, spielt in der (entweihten) Kirche St. Gertrud. Der Zuschauer wird darin zum Beichtvater und moralischer Instanz: Verschiedene Darstellerinnen beichten ihm ihre Sünden, und er muss ihnen Absolution erteilen – oder auch nicht. Die Kölner Akademie der Künste, die “Sin of Success” ebenfalls fördert, wird anschließend ein Publikumsgespräch organisieren. Auch beim libanesischen Choreografen Omar Rajeh geht es um die Stellung der Frau. “That Part of Heaven” setzt sich mit den Auswirkungen des libanesischen Bürgerkriegs auseinander. Fünf Frauen kämpfen mit Traumata des Bürgerkriegs, während sie angestrengt versuchen, ihre bürgerliche Fassade aufrecht zu erhalten – während die Deformation ihrer Körper voranschreitet.

DOROTHEA MARCUS

 

WDR 3.de

http://www.wdr3.de/buehne/arabien102.html

Meriam Bousselmis “Sünde Erfolg”: Ende der Unterwürfigkeit

Meriam Bousselmi zeigt in ihrem Stück “Sünde Erfolg” erfolgreiche arabische Künstlerinnen im Kampf um die Anerkennung. Die junge Araberin hat einen Preis gewonnen. Aber ein männlicher Kollege kassiert ihn einfach für sich ein. Es geht um die Befreiung der Frauen.

Meriam Bousselmi zeigt Stück “Sünde Erfolg”

Meriam Bousselmi steht für die neue Generation arabischer Theatermacherinnen. Sie will die Dominanz der älteren Männer nicht mehr hinnehmen und Kritik nicht mehr in Gleichnissen verpacken, sondern direkt äußern. Die Arbeit in Tunis ist seit dem Erstarken des Islamismisten nicht einfach. Deshalb hat ihr neues Stück in Köln Uraufführung beim Festival “Globalize: Cologne” und wandert direkt danach zum Festival Theaterlandschaften Neues Arabien am 23. und 24. November im Mülheimer Theater an der Ruhr.

Dort läuft auch ihr Stück “Was der Diktator nicht gesagt hat”. Zweiter Schwerpunkt des Festivals ist die Lage in Algerien, die zwar als stabil beschrieben wird, aber auch hier hat der Staat genau im Blick, was die Theatermacher tun.

“Sünde Erfolg” läuft noch einmal am 21. November in der Alten Feuerwache Köln und am 23. November im Theater an der Ruhr.

Ein Gespräch mit Stefan Keim

Gespräch hören

 

Audio: “Sünde Erfolg” im Theater an der Ruhr (21.11.2013) [WDR 3]

Stefan Keim Nov 2013

http://www.wdr3.de/buehne/arabien102.html

Ein Gespräch vom 21.11.2013 aus WDR 3 Mosaik

 

Welt am Sonntag

http://www.welt.de/print/wams/nrw/article110073451/Theater-im-Chaos-der-Revolutionen.html

Welt am Sonntag 21.10.12

Theater im Chaos der Revolutionen

Die Mülheimer “Theaterlandschaft Neues Arabien” und eine Premiere in Bochum erzählen, wie Künstler den Aufbruch in die Freiheit sehen Von Stefan Keim

Die Stimme der jungen Frau klingt kräftig, mitreißend, beseelt. Meriam Bousselmi ist am Telefon, die führende junge Theatermacherin Tunesiens. “Wir müssen lernen, klar unsere Meinung zu sagen und die Behauptungen der Revolution einlösen.” Ob sie das in ihrer Heimat tun kann, weiß die 1983 geborene Autorin (Link: http://www.welt.de/themen/autoren/) und Regisseurin nicht. “Vielleicht muss ich bald den Kampf von außen führen”, sagt sie. “Hier sehe ich keine künstlerischen Entwicklungsmöglichkeiten mehr.” Meriam Bousselmis neues Stück “Sabra” entsteht als Koproduktion mit dem Theater an der Ruhr in Mülheim. Dort läuft außerdem vom 24. bis 28. Oktober das Festival “Theaterlandschaft Neues Arabien” mit Aufführungen aus Syrien, Ägypten (Link: http://www.welt.de/themen/aegypten-reisen/) , Palästina, Tunesien (Link: http://www.welt.de/themen/tunesien-reisen/) und dem Libanon. “Die Menschen haben Angst”, berichtet Kurator Rolf C. Hemke, der gerade in Tunesien war. “Der Riss, der durch die Gesellschaft geht, läuft auch durchs Theaterpublikum.” Da gibt es die begeisterten Demokraten, die sich mit mutigen Theatermachern solidarisieren. “Aber die größte Gruppe ist durch die Entwicklungen überfordert. Sie ist verwurzelt in einem moderaten Islam, muss nun ihre Identität neu bestimmen und gerät ins Taumeln.” Meriam Bousselmi hat in Tunis mit heftigen Widerständen zu kämpfen. Aus einem Probenraum wurde sie mit ihrer Gruppe von Salafisten vertrieben. Sie fand einen neuen, doch dann kündigte der Vermieter, weil ihm die Sache zu heiß wurde. Im Stück “Sabra” kombiniert die Regisseurin Sufigesänge und –tänze, die allein Männern vorbehalten sind, mit traditionellen Festliedern von Hochzeitssängerinnen, also religiöse und weltliche Musik.

In ihrem neuen Probenraum sind die Rollläden immer verschlossen. Sie musste schon ihr gesamtes Team austauschen, auch den Choreografen, weil die Angst zu groß wurde. Außerdem verdient niemand Geld mit dem Theater. Doch Meriam Bousselmi beißt sich durch. “Wir müssen Ross und Reiter nennen und nicht mehr wie früher in Metaphern sprechen. Ich will nicht unbedingt provozieren, aber klar ausdrücken, was ich empfinde.”

Der Lehrmeister aller tunesischen Theaterleute arbeitet gerade in Bochum. Fadhel Jaibi ist 68 Jahre alt, Dauergast in Avignon und bei den Berliner Festspielen, in Paris (Link: http://www.welt.de/themen/paris-staedtereise/) ausgebildet, international tätig, aber immer wieder in seinem Heimatland aktiv. Wenn er einen klassischen Stoff wie nun Kafkas “Prozess” inszeniert, schreibt er mit seiner Frau Jalila Baccar eine eigene Textversion. Die überprüft er mit den Schauspielern, legt wieder eine Schreibphase ein, geht zurück auf die Bühne. Auf diese Weise ein Stück zu inszenieren, dauert in Tunesien ein Jahr. Weil die Schauspieler auch für ihr Überleben arbeiten müssen. In Bochum schafft Jaibi eine Inszenierung in drei Monaten. Kafkas “Prozess” ist für ihn eine “Reise in ein Labyrinth. Jede Tür führt zur nächsten Tür, und dann steht man vor einem Loch oder einer Wand. Das ist absurd. Und eben so ist die Lage in Tunesien.”

Heftige Kritik an der aktuellen Lage äußert Fadhel Jaibi nicht. “Wie das System des Diktators Ben-Ali funktionierte, habe ich begriffen. Aber ich brauche Zeit, um die Tiefen des islamistischen Systems zu verstehen. Ich will nicht den Revolutionär spielen.” Das ist keine Feigheit, sondern Sorgfalt. Jaibi wurde oft zensiert, seine Stücke durften nicht im Fernsehen gesendet werden, Tourneen wurden verhindert, Zuweisungen gestrichen. “Die internationale Reputation hat uns oft gerettet”, erzählt der Theatermacher. “Die Regierung wollte zeigen, dass Demokratie herrscht und hat uns dafür benutzt.” Das wusste Fahdel Jaibi und hat weitergemacht. Weil er ein immer größeres Publikum erreichte. Heute zeigt er eine Aufführung 50 mal im größten Theater von Tunis, das tausend Plätze fasst. “Die meisten Zuschauer sind unter 35”, erzählt Jaibi. “Junge Leute bringen ihre verbitterten Eltern mit, um zu zeigen, dass sich doch was bewegt. 80 Prozent des Publikums sind Frauen, mit und ohne Schleier.” Das Theater schafft Augenblicke des Zusammenhalts in einer verstörten Gesellschaft und ein Diskussionsforum.

Dass die junge Generation nach härteren, direkteren Formen und Aussagen sucht, findet Jaibi in Ordnung. “Ich will doch keine Klone von mir sehen. Jeder soll seinen Weg gehen.” Er sieht sein Land auf dem harten Weg zur Verantwortung des Einzelnen. “Jeder von uns muss selbst die Demokratie aufbauen. Wir kriegen nichts geschenkt. Und niemand kann sich den Luxus erlauben, verzweifelt zu sein.”

Satiren und Farcen sind die Antworten vieler Theatermacher auf die Situation in ihren Ländern. Das Eröffnungsstück der Mülheimer Theaterlandschaften heißt “L’Isoloir” und behandelt absurde Ereignisse rund um eine Wahlkabine während der ersten demokratischen Wahlen in Tunesien. “Maaarch” ist eine deftige Komödie (Link: http://www.welt.de/themen/komoedien/) über die Blödheit des Militärs. Neun Soldaten folgen Kauderwelschbefehlen, die keiner versteht. Nur das englische “Maaarch” sticht aus dem wirren Gebrüll heraus. Dieses Stück kommt aus Beirut, das laut Rolf C. Hemke noch eine der freiesten Städte für Theatermacher in Arabien ist. Jahrelang war auch in Damaskus die Zensur verhältnismäßig locker. Nun herrscht in Syrien Bürgerkrieg. “Den muss man sich nicht als Flächenbombardement vorstellen”, erzählt Hemke. “Der Alltag und auch die Kunst laufen weiter.” Aber die Unsicherheit ist da, und viele Theatermacher brauchen gar keine Zensur von außen mehr. Sie tragen sie schon im eigenen Kopf, denn die Lage könnte schnell gefährlich werden.

“Wo renne ich überhaupt hin?” fragt ein Schauspieler im Stück “Auf Spuckweite” des Palästinensers Taher Najib. “Warum hetze ich dermaßen ins Theater, wenn das wirklich Wichtige draußen passiert?” Er gibt folgende Antwort: “Wenn ich weiter Richtung Theater gehe und sie mich erschießen, oder ich in die Luft fliege oder sonst was passiert, was mich in Staub und Asche verwandelt, dann ist es mir lieber, dass ich als Märtyrer auf dem Weg zur Arbeit als als Feigling auf dem Weg nach Hause sterbe.” Die Allgegenwart des Todes spricht aus solchen Texten. Jeden kann es jederzeit erwischen. Da ist es am besten, etwas Sinnvolles zu tun. Das ist die Grundeinstellung vieler Demokraten und Künstler in den arabischen Ländern.

In Mülheim an der Ruhr sind nicht nur Theaterleute zu Gast. Die Gastspiele und Diskussionen werden ergänzt durch die Konzertreihe “Klanglandschaften”. Vergangene Woche war schon das Trio “Al Jaramani” aus Syrien zu Gast. Die Brüder spielen meditative Musik auf historischen Instrumenten, allerdings neue Kompositionen, keine traditionellen Stücke. In Damaskus sind sie lange nicht gewesen und können auch kaum etwas über die aktuelle Szene sagen. Nicht dass sie keinen Kontakt mehr hätten, aber die einen erzählen so, die anderen das Gegenteil. “Einige meiner Freunde kämpfen für die Revolution, andere für das Regime”, berichtet Khaled al Jaramani. Seine Einstellung ist klar: “Der Diktator muss weg.” Der Musiker glaubt nicht, dass es – falls die Revolutionäre siegen – zu einer Erstarkung der Islamisten in Syrien kommen kann. “Bei uns gibt es 20 Religionen, die extremen Gruppen sind nicht stark genug.” Dann lächelt al Jaramani. “Du willst nur über Politik reden”, sagt er. “Wir sind Musiker.” Musiker, die zu Hause keine Arbeit mehr finden. “Was wir mit unseren Instrumenten beschwören, ist die innere Stimme des Orients. Bei uns steht die Persönlichkeit des Einzelnen im Mittelpunkt. Musik befreit.” Wir reden immer noch über Politik, aber auf einer anderen Ebene. Genau das leisten die Begegnungen mit Künstlern aus der arabischen Welt, in Mülheim, Bochum und anderswo.

“Theaterlandschaft Neues Arabien”, Theater an der Ruhr Mülheim 24. – 28. Oktober, Premiere: “Sabra” von Meriam Bousselmi am 8. November;”Der Prozess” in der Regie von Fadhel Jaibi, 25. Oktober, 2., 9., 16. November

 

WAZ – Essen/Mülheim

Margitta Ulbricht

http://www.derwesten.de/staedte/muelheim/einblicke-in-das-neue-arabien-id7210664.html

Einblicke in das neue Arabien

20.10.2012 | 06:14 Uhr

Einblicke in das neue Arabien

Nun scheint der Terror auf Beirut überzugreifen. Eine Bombenexplosion mit Toten  und vielen Verletzten erschütterte gestern die libanesische Hauptstadt. In Syrien herrscht Krieg . Und der Vorsitzende der Regierungspartei in Tunesien wurde mit Salafisten gefilmt. Schlagzeilen, die vor dem Hintergrund der euphorischen politischen Aufbrüche in diesen Ländern für Ernüchterung sorgen. Doch wer könnte wohl besser etwas über die Lage und den Alltag erzählen, als die Menschen selbst?

Ein Ensemble aus Syrien, Libanon, Tunesien und Palästina werden erwartet

In Mülheim werden in der nächsten Woche Ensembles aus Syrien, Libanon, Tunesien und Palästina zur Theaterlandschaft „Neues Arabien“ vom 24. bis zum 28. Oktober im Theater an der Ruhr erwartet. Da stellt sich die Frage, ob die Künstler so ohne weiteres aus ihren Länder herauskommen.

Rolf C. Hemke ist optimistisch: „Wir haben die Zusage der Botschaft , dass alle ihre Visa bekommen.“ Es gebe vier, fünf Schauspieler aus Libanon und Syrien, die noch keine Einreisegenehmigung hätten. Aber am Theater geht man davon aus, dass die Ensembles komplett anreisen können. Das Festival wird durch Mittel der Bundeskulturstiftung und vom Land finanziert.

Erwartungen zurückgestutzt

„Es ist das zweite Mal, dass wir uns mit den arabischen Ländern auseinander setzen“, betont Dramaturg Helmut Schäfer. „Und das hat seine Evidenz in der Umbruchsituation.“ Vor eineinhalb Jahren habe man unter dem irreführenden Titel „Arabischer Frühling“ die Hoffnung verbunden, dass Aufbrüche stattfinden.

„Aber die positiven Erwartungen sind arg zurückgestutzt worden.“ Rückschlüsse auf die gesellschaftliche und politische Situation werden die Theaterproduktionen, das Symposium, Matinee, Diskussionen und eine Filmwerkstatt geben. Die musikalische Brücke schlagen die beiden Klanglandschaften-Konzerte im November.

Die Dummheit des Krieges ist Thema

Ein innovatives, politisches Theater aus dem arabischen Raum erwartet die Besucher. Mit Stücken wie „Maaarch“ von Issam Bou Khaled aus Beirut, das schon in Paris und Mailand in ausverkauften Häusern lief und auf frappierende Weise die Dummheit des Krieges thematisiert. Oder die revuehafte Farce auf die politischen Verhältnisse und die zerrüttete Streitkultur in Tunesien anhand einer Geschichte aus dem Wahllokal. Die Lage der Frau in der zunehmend von Gewalt bestimmten syrischen Gesellschaft beleuchtet eine andere Produktion. Drei von sieben Theaterabenden, die uns ein Stück Geschichte und Alltag aus dem neuen Arabien vor Augen führen.

Margitta Ulbricht

 

 

Akduell – Studentische Zeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

http://akduell.de/2012/10/nachwehen-der-revolution/

Nachwehen der Revolution

24. Oktober 2012 von Chs

Uraufführung einer Auseinandersetzung: Der alte Feind ist die Diktatur, der neue Feind eine Chimäre, die mit Gewalt zuschlägt. Im aktuellen medialen Diskurs wird Tunesien als ein Land in der Warteschleife beschrieben. Wie der Alltag dort nach der Revolution aussieht, zeigt „Sabra“, ein bilderstarkes Musiktheaterstück von der jungen tunesischen Regisseurin Meriam Bousselmi. Das Stück wird am 8. November am Theater an der Ruhr in Mülheim zum ersten Mal gezeigt. Es ist das Ergebnis einer Kooperation der Association Haraka, Tunis, mit den „Klanglandschaften Afrika – Orient“ des Theaters an der Ruhr, dem WDR 3 und dem NRW Kultursekretariat.

In „Sabra“ zeichnet die tunesische Theatermacherin anhand aktueller Ereignisse die bedeutendsten gegenwärtigen Konfliktlinien nach. So etwa, als eine Studentin versuchte, einen Salafisten daran zu hindern, auf dem Dach der Universität in Tunis die Nationalflagge durch eine islamistische zu ersetzen. Mit „Sabra“ will Bousselmi die Verhältnisse nicht nur sichtbar machen. Ihr Stück soll auch ein Dialogangebot sein.

Die Revolution ist vorbei, die Umbrüche nicht. Die großen Hoffnungen, die viele Menschen an den Sturz des Alleinherrschers Ben-Ali geknüpft hatten, wurden bisher nicht eingelöst. Die umstrittene islamistische En-Nahda Partei hat die Neuwahlen gewonnen. An ihr entzünden sich zahlreiche gesellschaftliche Debatten. Vor allem Strömungen liberaler und konservativer islamischer Kräfte kämpfen um Einflussmöglichkeiten. Manche Vorstellungen scheinen dabei nur schwer miteinander vereinbar zu sein. Das hat auch Auswirkungen auf die Situation von Künstler*innen vor Ort. Diese ringen regelmäßig mit religiösen Akteur*innen um Freiheiten, Grenzen und Pfründe.

Support statt Selbstzensur

Angesichts der schwierigen und unsicheren Situation in Tunesien sind Kooperationen und Subventionen jenseits der Landesgrenzen umso wichtiger für die künstlerische Arbeit in dem nordafrikanischen Land geworden. „Weil es für viele Künstler – auch ökonomisch – so schwierig geworden ist, dort frei zu arbeiten, lag uns viel daran, diese Zusammenarbeit zu ermöglichen“, so der Verwaltungsleiter des Theaters an der Ruhr Rolf C. Hemke. Unter dem Titel „Theaterlandschaft Neues Arabien“ holt das Mülheimer Theater Koope- rationen afrikanischer und nahöstlicher Länder ins Ruhrgebiet.

Wenn Kunst zu kämpfen beginnt

„Selbstzensur ist unter Kunstschaffenden angesichts innergesellschaftlicher Gewalt, die beispielsweise von salafistischen Gruppen ausgeht, keine Seltenheit mehr“, sagt Hemke. „Die Regierung gibt sich zurückhaltend. Ausschreitungen und Übergriffe werden von der schwachen Regierung nicht unterbunden.“ Wie schwach diese derzeit ist, zeigt auch die Stürmung der US-Botschaft und der Amerikanischen Schule in Tunis im vergangenen Monat. Mehrere tausend Menschen attackierten am 14. September die US-Botschaft, nachdem sie gegen einen in den USA produzierten antiislamischen Film protestiert hatten. Ein Vorfall, der sich direkt neben der größten Kaserne der Gegend abspielte. Die benachbarten militärischen Kräfte griffen nicht ein, als sich der brandstiftende Mob der Botschaft näherte. Für Hemke ist dieser Vorfall daher symptomatisch für die Auswirkungen, die die aktuellen Verhältnisse auf die tunesische Gesellschaft haben. Er sagt: „Es besteht ein spürbar großes Interesse an einer Unterstützung aus dem Ausland, die unanbhängig von tunesischen Staatsorganisationen gewährt werden kann.“

Und ewig lockt das Sakrileg

Das Musiktheaterstück von Bousselmi ist eine bildkräftige Reflexion der aktuellen Ereignisse und basiert auf traditionellen tunesischen Musiken. Dass diese eigentlich einen religiösen Hintergrund haben und nun in einen weltlichen Kontext eingebettet neu aufgegriffen werden, wird von religiös konservativen Kreisen durchaus als Provokation empfunden. Denn einige von ihnen haben eine klare Vorstellung davon, wie rechtschaffendes Verhalten aussieht. Für sie kommt wegen der derzeitigen Situation in Tunesien die Vermischung religiöser und weltlicher Bereiche einer Art Sakrileg gleich. Ein Affront, der im Ruhrgebiet wohl eher ausbleiben dürfte.

Bevor sich jedoch diese Frage auch in Mülheim stellt, markieren zunächst Nasreddine Chebli und das sechsköpfige Ensemble Tatbîl am 7. November einen ersten musikalischen Haltepunkt der Reihe. Die Musiker*innen kombinieren Percussions mit tunesischer Flöte, der schalmeienartigen Zokra und Gesang. So werden sie zum menschlichen Schmelztiegel städtischer, ländlicher, religiöser und weltlicher Rhythmen. Anschließend unterstützen sie auch Bousselmis Inszenierung musikalisch, die am 8. November nicht nur Premiere feiert, sondern auch uraufgeführt wird.

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